Dienstag, 3. Dezember 2013

Senneschall von Frankreich

Nach einem Ritt von mehreren Stunden waren wir erneut in einem Wald. Bislang waren wir schweigsam nebeneinander geschwind des Weges gezogen. Aliana schien keine Anstalten zu machen, ihr Wort an mich zu richten. Ich betrachtete sie häufig, wann immer das Mondlicht ausreichend durch die Bäume schien und grübelte über ihre Art und sie im Speziellen. Und was mir besonders Sorge machte, war ein Gefühl in meiner Magengegend, dass mich seit Tagen betrübte, da ich es nicht einordnen konnte. Dabei konnte ich mich nicht entsinnen, etwas Verdorbenes gegessen zu haben.
«Aliana?»
Sie drosselte Thashas Tempo und ritt näher an meine Seite. Erst kam ein gefühlloser Seitenblick, aber als sie mein Augenspiel bemerkte, das vielleicht ein wenig leidend wirkte, entschloss sie sich zu einem aufmunternden Lächeln und nickte mir zu.
«Wohin reiten wir, Aliana?»
«Wir werden den ehemaligen Graf von Rochefort, Senneschall von Frankreich, töten. Dessen Thronanspruch war für König Ludwig ein harter Schlag, zusätzlich zu seiner Niederlage in Brenneville gegen die Engländer. Die ständigen Rangeleien mit den Engländern sind schwierig für ihn, zum Glück steht Suger ihm mit gutem Rat zur Seite.»
Anceau de Garlande, Senneschall von Frankreich, höchstes militärisches Amt im Königreich, war erklärter Feind des Königs und mein Oberbefehlshaber in der letzten Schlacht gewesen. Wir hatten für ihn gestritten, weil er ein Recht auf den Thron beanspruchte. Nachdem seine Armee verlustreich geschlagen war, war es ihm mit seinem Stab gelungen, zu fliehen. Aliana erläuterte mir, dass man ihn auf einem Schiff in einer nahen Hafenstadt gesichtet hatte, und er scheinbar von dort über die Seine versuchte zu fliehen. Sein Ziel war Rouen, von wo aus er versuchen würde, zu Ludwigs englischen Widersachern zu gelangen. Nachdem sie mich aufgeklärt hatte, wollte ich Antworten auf andere Fragen.
«Ihr seid die Ehe eingegangen.»
Alianas Miene verhärtete sich.
«Kalai ist mit mir in der Nacht verbunden. Unsere Familien wurden geeint.»
«Und Eure Tochter ...», begann ich und verstummte. Sie übernahm den Satz, um mich nicht im Stich zu lassen: «Marketa? Sie trägt fortan unser beider Blut. Wir haben den Bluttausch mit ihr vollzogen», und mit ein wenig bedrückter Stimme fügte sie hinzu: «und mit dieser Besiegelung unsere Schuld vergrößert. Daher geschehen Vampirzeugungen meist nur in Zustimmung des Hauses und wenn sie als wertvoll erachtet werden und sehr selten, es sei denn von Vampiren denen die Schuld unwichtig ist, und die nicht an Erlösung glauben. Mein Vater mutmaßt, dass wir unseren Fluch aufheben können, in dem ein Vampir eine Tat begeht, die seiner Schuld ebenbürtig und entgegengesetzt ist. Es ist sein Glauben.»
«Das meinte ich nicht ...», startete ich ein weiteres Mal, und auch diesmal half sie mir: «Eine Vampirin sollte Frau sein, bevor sie in die Unsterblichkeit des Fluchs eingeht. Danach heilen alle kommenden Wunden und Verletzungen immer wieder und wieder, schmerzhaft sie neu zu erleiden und noch schmerzhafter sie in der Dunkelheit heilen zu spüren.»
Ich schaute sie an, ansatzweise verstehend was sie meinte: «Teilt Ihr denn die Gelüste von uns Menschen?»
Sie schüttelte den Kopf: «Wir sind dazu in der Lage, aber Gefühle oder Gier danach, nein. Uns lüstet nach Blut. Dennoch kommt es vor.»
«Warum ich?»
Sie lächelte mich an, aber ich sah dahinter mehr, ein Sturm von Gefühlen, der in ihrem Kopf tobte, zeichnete sich in dem Blick ab: «So bleibt es in der Familie.»
Und zumindest ein Funken dieser Gefühle war ihrer Beherrschung entglitten, als sie mich gerade als Teil ihrer Familie bezeichnet hatte.
Wir erreichten ein altes Dorf, die vier Häuser inmitten einer großen Lichtung im Wald wirkten verlassen. Die Bäume und die anderen Pflanzen hatten längst Besitz von den einst menschlichen Behausungen ergriffen. Wir brachten stumm unsere Pferde in einem Schuppen unter, ich hoffte, dass er nicht über ihnen zusammenbrechen würde, und wir kümmerten uns einige Zeit um sie. Es war entspannend, derart gewöhnliche Tätigkeiten neben Aliana zu verrichten. Mehr als einmal berührte sie mich, stupste mich feixend, und ich spürte ihre kalte Haut. Eine angenehm kummerlose Atmosphäre herrschte zwischen uns.
Die Vögel des Waldes begannen zu zwitschern, und ich übernahm die restlichen Aufgaben, Aliana verschwand in einer der Hütten. Dort fand ich sie wenig später, sie hatte die Fenster behelfsmäßig mit Holz und den halb verrotteten Möbeln verdunkelt. Ich hatte mehr Sinn fürs Detail und schloss die noch offenen Ritzen.
Aliana lag zusammengerollt in der hintersten Ecke in dem Raum, aus dem die kleine Hütte bestand und bewegte sich nicht. Ich hatte die zwei Decken mitgebracht, die zu unserer Reiseausrüstung gehörten, und legte eine davon über sie. Dabei betrachtete ich sie mehrere Augenblicke.
Schließlich machte ich mich daran, ein Feuer in der Mitte des Raumes, wo sich eine Kochstelle befand, zu entzünden und schichtete dazu Holz auf, das ich aus der umliegenden Umgebung holte. Ich wickelte auch mich in eine Decke und schlief bald ein.

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