Donnerstag, 8. August 2013

Audienz bei König Ludwig

Suger von Saint-Denis selbst hatte sich die Mühe gemacht, hinab zu steigen in die Keller und zu meiner Kammer zu kommen um mich zu informieren, dass der König mich zu sprechen wünscht. Mein Zimmer war vielleicht vier große Schritte lang und drei breit, ein wenig Stroh in der hinteren Hälfte und eine Decke dienten mir als Lagerstätte in der Nacht. Hoch oben an der Decke befand sich ein kleines Loch in der Außenmauer, ohne Glas, daher zog häufig ein kalter Luftzug hinein. In den wolkenlosen Nächten schien der Mond hindurch und beleuchtete meinen Schlaf. In einer Ecke neben der Tür hatte ich stolz die Zeremonienrüstung aufgebahrt, die mir Gideon nach der Hochzeit mitgegeben hatte. Ich hatte extra einen kleinen Holzpflock besorgt - nachts neben einem Kamin gestohlen, wo er als Feuerholz lag, um die Rüstung darauf zu drapieren. Tapfer verteidigte ich sie auch gegen Ratten, wenn ich im Schlaf von Rascheln geweckt wurde und dachte, sie würden daran knabbern.
Es war ein Loch, aber mehr Zuhause als ich mir vorgestellt hätte.
Suger blieb in der Tür stehen, er trug eine Fackel. Obwohl es Nachmittag war und die Sonne schien, war es in den Kellergewölben recht dunkel. Ich hatte geschlafen, ein verträumtes Lächeln muss meine Lippen umspielt haben. Das laute Knarren der Tür, wie sie über den Boden schliff, hatte mich aber geweckt. Müde starrte ich in die Fackel, Suger zuerst nicht erkennend.
Ich hatte nichts Böses getan, es war mir erlaubt zu schlafen. Meine vormittäglichen Übungsstunden in den Künsten des Hofes waren bereits beendet, seit dem Sonnenaufgang hatte ich davor Waffenkunde, Kampf und Körperertüchtigung hinter mir, die Abende dienten weiterhin den schleichenden Künsten sowie Sonstigem, und die Nacht gehörte mehr und mehr Aliana. Nachmittags durfte ich schlafen. Vier Stunden, wie gehabt, mehr Traum stand mir pro Tag nicht zu.
Er hielt den flammenden Stab beiseite: «Heute Abend nach der Dämmerung findest Du Dich im Audienzraum des Königs ein.»
Ich rieb mir die Augen, während ich antwortete: «Keine Schleichenden Künste, Meister?»
Er erwiderte: «Nein, heute nicht. Vorher gehst Du zur Waffenkammer und zum Rüstmeister. Verlange in meinem Namen eine gestärkte Lederrüstung und ein Schwert, welches Du zu führen vermagst, sowie einen Dolch. Und von Dargasch besorgst Du Dir Gifte.»
«Gifte, Herr», fragte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Von Saint-Denis entgegnete: «Was auch immer Du zum Töten eines Menschen oder Tieres benötigen wirst. Überlege Dir selbst, was weiter hilfreich ist und Du tragen kannst. Es soll von heute an Deine Ausrüstung sein, damit Du für alles gewappnet bist.»
Er wandte sich herum und ging, ein letztes Mal kritisch das Banner Imhoteps auf der Brustplatte musternd. Ich wurde nervös, die Müdigkeit war vergessen, wenngleich sie vorhanden war. Ich sprang auf. Geschlafen hatte ich wenig wegen der Kälte in meiner Stoffkleidung, ich trat zu dem Wassereimer neben der Rüstung des Hauses Imhotep, tauchte meine Hände in die kalte Flüssigkeit und wusch mir den Schlaf aus den Augen.
Eigentlich gehörten die Nächte entweder wechselnden Unterrichtsstunden, je nachdem welcher Meister gerade Zeit hatte oder wieder einmal der Meinung war, ich sei ein Versager und bräuchte mehr Stunden, und immer öfter Aliana. Sie brachte mir dabei nichts Neues bei, hatte seit der Hochzeit auch kaum mit mir geredet, aber sie prüfte meine Fortschritte.
Häufig fragte sie mich Dinge vom Hof ab, welche Gerüchte es unter den Adligen gab, wie man verschiedene Adelsstände zu behandeln hatte, wie die Rangfolge der königstreuen Vasallen war und dergleichen. Manchmal kämpfte sie gegen mich. Schwerter, Waffen, Äxte. Allerdings prügelte sie mich nicht nieder, sondern vergewisserte sich ganz gezielt, welche Schläge ich konnte, ob ich mich korrekt verteidigte und meine Haltung. Es gab zwar kein Lob, aber immer weniger offene Kritik.
Ich eilte, die Zeit konnte auf einer Burg schnell vergehen, wenn man versuchte Sachen zu erlangen, und den König würde ich nicht warten lassen.
Als ich vorsichtig an der Tür zum Audienzzimmer erschien, trug ich bereits die Lederrüstung, an einer Seite den Dolch, an die andere das Schwert gebunden. Es zog den Gurt ziemlich nach unten. Aber so kraftlos wie vor einigen Wochen war ich nicht mehr. Ein Wachposten gebot mir zu warten, schien aber mit meinem Eintreffen gerechnet zu haben. Nach einiger Zeit öffnete er die Tür für mich. Ich runzelte überrascht die Stirn, da ich kein Zeichen vernommen hatte, als ich in dem Zimmer Gideon erkannte. Ob er der Wache direkt in den Kopf gesprochen hatte?
Ich trat ein, schritt mit selbstsicheren Schritt - antrainiert und keineswegs ein Spiegel meines inneren Zustandes - vor den König und verneigte mich. Er winkte gelassen ab, und ich grüßte auch die anderen förmlich. Gideon, der mich am längsten nicht gesehen hatte, musterte mich erstaunt. Ich wusste nicht warum, aber er schien positiv gestimmt. Aliana ließ sich keine Reaktion anmerken.
König Ludwig stand auf und trat mit seinem stämmigen Körper ans Fenster. Dann hob er seine Vertrauen weckende Stimme, dieses mächtige Werkzeug seiner Politik und sprach zu mir: «Hilo, Aliana hat von mir einen Auftrag erhalten, den es in drei Tagen zu erfüllen gilt. Er ist mit einer Reise verbunden. Ich habe beschlossen, dass Du Aliana begleiten wirst. Die Bestimmung zwecks derer Dein Leben Dir gewährt wurde, soll erfüllt werden. Ihr werdet in dieser Nacht aufbrechen.»
Die Stille, welche danach herrschte, deutete darauf hin, dass eine Antwort von mir gefordert war. Ich bin mir bis heute unsicher, ob ich damals abzulehnen vermocht hätte. Allerdings muss ich zu meiner Überraschung sagen, damals nicht darüber nachgedacht zu haben. Ich war im Reinen mit meinem Schicksal. Es gab keine Fragen und keine Zweifel.
«Mein König, es ist mir eine Ehre an Alianas Seite zu sein», sagte ich und meinte es. Ich schaute für eine kurzen Augenblick zu Aliana und fühlte mich lebendig.
Der König drehte sich um, und ich kniete erneut vor ihm nieder und senkte mein Haupt. Ein Gefühl der Wärme erfüllte mich, und ich spürte zum ersten Mal in meinem Leben das Glück ein Ziel zu haben, einen Sinn zu besitzen. Gideon Stimme drang sanft in meinen Geist: «Du bist ein treuerer Verbündeter, als wir geplant hatten.»
Fast war es, als konnte ich seinen amüsierten Gesichtsausdruck sehen, obwohl er hinter mir stand, und mein Kopf zu Boden gerichtet war. Alianas Stimme war realer, sie erklang für alle hörbar im Raum, wie so oft ernst und zielstrebig, die tödliche Eleganz versprühend, an die ich mich mittlerweile in meinen Träumen schmiegte: «Du hast Zeit für ein Abendessen. Wir treffen uns bei den Pferden. Ich will die Nacht nicht ungenutzt verstreichen lassen.»

Jetzt wettete ich, dass Gideon belustigt schaute, und auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sie hatte nicht vor, mich diesmal hungern zu lassen. Ich sah sie an und ihre Augen trafen mich, und fast schien es als kannten wir uns seit langem. Ihre herrisch auftretenden Schritte entfernten sich. Der König entließ mich, als Gideon ganz privat zu mir flüsterte: «Könige vergehen, meine Art nicht.»

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