Dienstag, 3. Dezember 2013

Der Stein des Weisen

«Aliana, gibt es eine Möglichkeit, einen Deiner Art für immer zu vernichten? Ich meine», ich sah, wie ihr Blick von den Flammen auf mich wechselte. Die Nacht würde bald einbrechen und die Sonne endgültig untergegangen sein. Aliana war schon früh von ihrem Ruheplatz zu mir gekommen, wir warteten darauf, dass sie das Haus verlassen konnte. Sie kniete vor dem Feuer, das ich schon den gesamten Nachmittag am Leben hielt um mich zu wärmen, ich saß ein Stück neben ihr und stocherte mit einem langen Zweig in der Glut. Es würde bald erloschen sein.
«... wie kann man das Leben eines Unsterblichen vernichten?», beendete ich meine Frage.
Aliana schaute wieder in die tänzelnden Finger des Feuers: «Unsterblich zu sein bedeutet, kein Leben zu haben, das beendet werden kann. Niemand kann uns töten, es gibt nichts in uns, was zu töten wert wäre. Wir sind verflucht zum Leben. Man kann uns verstümmeln, aufteilen, verbrennen. Wann immer der Körper eines Vampirs nicht geheilt werden kann, sondern den Tod findet, wird er in einem Bruchteil eines Tages zu Staub zerfallen. All die Asche wird immer wieder einen Weg finden zusammen zu kommen und daraus einen neuen Körper entstehen zu lassen, auch wenn es Jahrhunderte dauert. Denn der Letzte Tropfen, der Wahre Kern unserer Schuld ruft den Staub des Körpers zu sich. Der Letzte Tropfen, Hilo, ist das, was uns ausmacht. Er ist nicht sichtbar, aber er ist im Blut, er ist der letzte Teil des Blutes, den man aus uns saugen kann. Dieser Letzte Tropfen überdauert alles. Die Zeit hat offenbart, dass ein Vampir, auch wenn er zu Staub nach Zerstörung des Körpers zerfällt in wenigen Stunden wieder aufersteht, wenn der Staub gerufen wurde. Man kann den Staub getrennt bewahren und den Vampir somit am Auferstehen hindern, eine der schlimmsten Strafen, die einem Vampir treffen kann. In meinem Haus wird diese Strafe bei den schwersten Vergehen gegen das Haus Imhotep ausgesprochen.»
«Wir verhängten sie schon», sagte Aliana, als sie meinen skeptischen Blick sah, «Aber wehe, wenn ein solch gestrafter Vampir jemals wieder den Staub erfolgreich rufen kann, denn er musste schreckliches erleiden. Aber bleiben wir bei dem, was wir den Letzten Tropfen nennen. Dieser Kern hat ein Eigenleben. Es gibt eine Möglichkeit ihn für immer vom Körper zu trennen, denn der Staub eines Vampirs verbrennt auf ewig im Sonnenlicht, wie auch unser Körper. Deshalb ist Sonnenlicht unsere größte Gefahr, denn es löscht unser Fleisch unwiderrufbar aus. Allerdings bleibt der Letzte Tropfen. Er versickert vielleicht in Erde und braucht möglicherweise Jahrhunderte um über Nahrungsketten wieder in ein Tier zu gelangen und nach tausenden von Jahren wieder in einen Menschen. Dann aber hat er einen neuen Körper, und der Vampir kehrt in neuer Gestalt zurück. Dies geschah meines Wissens allerdings erst einmal. Aber es ist ein Gerücht, somit besteht keine Sicherheit.»
Ich stocherte wieder in die Glut, und einige Funken stoben schön anzusehen in die Luft. Ihre Stimme war ein wenig emotionsgeladener und gleichzeitig kühler als bisher, als sie weiterredete, und es schien mir, als wenn das kommende sehr wichtig wäre. Selbst die längst verheilte Wunde an meinem Hinterkopf pochte.
«Auch kann ein Vampir einen anderen vollständig das Blut nehmen und den Letzten Tropfen und alle Macht des anderen in sich aufnehmen. Und es gibt noch eine Sache. Etwas Geheimes, auch unter Vampiren. Nur die mächtigsten und weisesten von uns wissen Bescheid, für andere bleibt es eine Legende. Es soll ein kraftvolles Ritual geben, mit dem man den Letzten Tropfen binden kann, so dass er niemals wieder von einem Körper Besitz zu ergreifen vermag. Er bleibt existent, ist aber gebannt.»
Und jetzt sprach Aliana von einem Ausdruck, den ich auch in der Welt der Sterblichen bereits vernommen hatte. Allerdings war er dort der Inbegriff für etwas völlig anderes, für einen Traum der Sterblichen, ein Synonym für die ewige Jugend.
«Sterblichen wird das Ritual niemals mitgeteilt, die Gefahr für meine Welt wäre unabsehbar. Die wenigen die es kennen, teilen es auch nicht mit den anderen. Um das Wissen zu erlangen, müsste man das Blut eines Ältesten aufnehmen, und damit seine Erinnerungen, da es wohl nie freiwillig gegeben wird. Da dieses Geheimnis lediglich die Ältesten vom Blute unter uns kennen, aus gutem Grund, denn sie vollen von dieser Strafe gewiss nicht getroffen werden, spricht man unter den Vampiren vom Stein der Weisen.»